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(German) Maskenträger sind vom Mars, Maskengegner von der Venus

Wir wurden angegriffen.

Mütter, Väter

Freunde und Nachbarn

Kinder, jeder.

Die Welt wurde durch etwas Böses zum Stillstand gebracht, das wir in der Form bisher noch nicht kannten.

Dieser Angreifer hat nicht nur unsere Gesundheit, sondern auch unser soziales Miteinander angegriffen. 

In einer solchen Situation ist es leicht, Hoffnung zu verlieren und aufzugeben.

Ein Blick auf unsere Gesellschaft zeigt mir aber, dass es nach wie vor viele viele Menschen gibt, die sich um andere tagtäglich kümmern. 

Das alleine gibt mir schon Mut und Kraft und ich möchte mich bei all denjenigen bedanken, die unsere Gesellschaft auf ihren Schultern tragen.

Aber egal wer man ist, man braucht keine besonderen Kräfte um etwas zu bewegen.

Man trägt im inneren ein Licht, einen Geist, die Amygdala etc. wie auch immer man diesen Überlebenswillen nennen möchte. Man kann diese Kraft dazu nutzen, Herausforderungen wie diese Krise zu überwinden.

Aber die Herausforderung ist größer als die Krise selbst. Die Krise setzt unsere inneren Dämonen, Ängste oder traumatische Erfahrungen frei, die wir so lange dachten kontrollieren zu können.

Ich rufe euch also auf, diesen zweiten, inneren Kampf zu kämpfen, der euch bisher vielleicht noch garnicht bewusst war. Nur dann schaffen wir es auch gemeinsam zukünftige Krisen zu bewältigen.

Was ich anbieten kann ist eine Reise durch die Gefühlswelt um offenzulegen, warum sich in dieser Krise Lager gebildet haben und Ideen wie wir wieder zusammenfinden können. Es geht also darum, warum wir überhaupt Angst haben und wie wir sie gemeinsam überwinden können.

Patreon: https://www.patreon.com/philosophyforheroes

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Discord: https://discord.gg/SED4gHZ

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Hallo zusammen,

Mein Name ist Clemens Lode, mein akademischer Hintergrund ist Informatik und Organic Computing und ich beschäftige mich seit einiger Zeit sowohl mit Psychologie, Neurowissenschaften als auch seit März wie wir alle mit der Pandemie.

Anders als in meinen anderen Videos geht es hier mir nicht darum, eine Position zu widerlegen, sondern möglichst neutral die Gründe zu betrachten, warum sich jemand für eine Position entschieden hat. Wer aus welchen Gründen Recht oder Unrecht hat, das behandle ich in den anderen Videos. Hier ist der Fokus unsere emotionale Bewältigung der Coronakrise.

Wer sich näher für das allgemeinere Thema der Neurowissenschaften interessiert, dem ist mein Buch zu empfehlen das diesen Dezember herauskommt. Auch werden diese Themen Teil einer regelmäßigen Online-Meetings sein für die ihr alle herzlich eingeladen seid. Wer mich dabei unterstützen möchte, mit meinem Wissen anderen zu helfen, kann mich gerne auf Patreon abonnieren.

So, aber nun zum Thema.

(Amygdala)

Zum Verständnis unserer Emotionen müssen wir uns gedanklich in eine Umgebung versetzen, an die sich unsere Vorfahren angepasst haben: den Wald bzw. die Savanne. Begegneten sie dort z.B. einem Raubtier, waren Stresshormone genau das richtige. Sie aktivierten das Immunsystem um bei Verletzungen schnellere Heilung zu ermöglichen und mobilisierten Energie-Ressourcen um schneller weglaufen zu können.

Dieses System scheint in der Moderne nicht mehr angepasst zu sein. Welchen Sinn hat es, Stress bei der täglichen Fahrt zur Arbeit zu produzieren? Dennoch schaffen wir Menschen es doch relativ gut, in der unnatürlichen Umgebung einer Bus, Bahn, oder Autofahrt, ruhig zu bleiben. Man stelle sich nur mal vor, was passieren würde, wenn man 100 Schimpansen unterschiedlicher Stämme in einen Bus setzen würde. Das Geschrei wäre groß. 

Aber wo liegt der Unterschied in der Weise wie Menschen und Affen mit Stress zurecht kommen?

Um zu verstehen, was hier passiert und wie Angstreaktionen mit der Coronakrise zusammenhängen, betrachten wir einmal das Gehirn etwas näher. Der für Emotionen besonders relevante Teil ist die Amygdala. Die Amygdala ist evolutionsgeschichtlich gesehen ein sehr altes Organ. Es hat sich etwa zu der Zeit der ersten Fische vor über 500 Millionen Jahren entwickelt. Eine seiner Hauptaufgaben ist es, den Organismus vor Schaden zu bewahren. Die Amygdala denkt dabei nicht rational, sondern reagiert direkt auf Sinnesdaten. Bei einer erkannten Gefahr, löst sie eine der vier Grundreaktionen aus:

  • Ankämpfen
  • Flüchten
  • Unterwürfigkeit
  • Einfrieren

Mit dem Ankämpfen können wir z.B. einen schweren Stein bewegen der uns im Weg liegt oder einen Kampf bestehen. Sehen wir ein Raubtier, rennen wir entweder davon, oder bleiben wir still stehen um ja nicht Aufmerksamkeit zu erregen. Im sozialen Umfeld können wir mittels Unterwürfigkeit in Sprache oder Verhalten signalisieren, dass wir keinen Konflikt suchen.

Wie können wir aber auf gefährliche Situationen reagieren, wenn keine dieser vier Handlungsmöglichkeiten das Problem adressiert?

(Präfrontal Cortex vs Amygdala)

Eine wichtige Erkenntnis zum Verständnis unseres Gehirns ist, dass alle Gehirnteile im Grunde unabhängig voneinander arbeiten und miteinander im Wettbewerb stehen. D.h. wenn wir Angst verspüren, brauchen wir ein anderes, stärkeres Signal um nicht nur aus der Angst heraus zu handeln. Dies kann z.B. starker Hunger oder Durst sein—wir gehen mehr Risiken ein wenn wir merken, dass vielleicht unser Leben davon abhängt, Nahrung oder Wasser zu bekommen. 


Für abstraktere Formen der Motivation brauchen wir dann aber den präfrontalen Cortex. Diesen Teil des Gehirns kann man sich als Simulator vorstellen. Er beantwortet Fragen wie “Was wäre wenn? Was würde morgen passieren wenn ich heute so handle? Wie reagiert die andere Person wenn ich das sage, usw.” Der präfrontale Cortex stellt also ein Signal für die Dinge bereit, die in dem Moment nicht direkt mit unseren Augen und Ohren wahrnehmbar sind. Es ist auch der Teil unseres Gehirns, der uns ermöglicht, uns etwas vorzustellen was vielleicht nicht existiert. Demgegenüber steht die Amygdala, die sich auf direkt wahrnehmbare Tatsachen fokussiert. Aber weder der präfrontale Cortex, noch die Amygdala haben einen Zugang zur “absoluten Wahrheit.” Zwar reagiert die Amygdala direkt auf Sinnesdaten, diese Sinnesdaten stellen aber nur einen Teil einer größeren (für uns größtenteils unsichtbaren) Welt dar. Die Amygdala hilft uns, auf eine unmittelbare Gefahr, z.B. eine Schlange, zu reagieren, sie versagt aber, wenn es darum geht, abstraktere Gefahren einzuschätzen. Lesen wir z.B. von einem jungen Menschen der an COVID-19 gestorben ist, überschätzen wir vielleicht die Gefahr für uns selbst. Kennen wir niemanden in unserer Umgebung, der an COVID-19 erkrankt oder gestorben ist, unterschätzen wir vielleicht die Gefahr.

Man könnte nun argumentieren, dass die Amygdala überflüssig sei. Welchen Sinn hat denn Angst oder Stress in der heutigen Zeit? Genauso könnte man aber fragen, welchen Sinn Schmerz hat. Aber Angst und Schmerz sind wertvolle Lehrer die unentwegt auf uns aufpassen. Sie sind eine Art Autopilot, auf den wir uns verlassen können. Die Amygdala motiviert uns, Gründe zu suchen, weshalb eine wahrgenommene Gefahr nicht eine tatsächliche Gefahr ist, genauso wie Schmerz uns motiviert, Wege zu finden, unseren Organismus nicht zu schaden. Beide Systeme können aber versagen, wenn wir einen kleineren Schmerz eingehen müssen um einen größeren Schmerz zu vermeiden, also längerfristig denken wollen.

(Emotionale Bewältigungsstrategien)

Als Gegengewicht zur Amygdala haben sich in unserer Evolution dazu die sogenannten emotionalen Bewältigungsstrategien entwickelt. Dabei lenkt unserer präfrontale Cortex die Emotionen unserer Amygdala um. Durch Ausführung einer Ersatzhandlung zeigen wir der Amygdala, dass wir uns mit dem Problem beschäftigt haben. Das ist wirksam egal ob diese Handlung das Problem tatsächlich löst, weil unsere Amygdala in erster Linie nur auf unmittelbare Sinneseindrücke reagiert. 

Man unterscheidet dabei auf der einen Seite positive Bewältigungsstrategien, also Strategien die das zugrundeliegende Problem adressieren, und auf der anderen Seite negative Bewältigungsstrategien die zwar für momentane Erleichterung sorgen, langfristig das Problem aber nicht lösen. Z.B. mag das eine oder andere Gerät durch kräftiges Dagegenschlagen plötzlich wieder funktionieren, das wird aber nicht z.B. die gelöschte Abschlussarbeit wieder herstellen können. Mit negativen Bewältigungsstrategien wird deshalb früher oder später die Frustration zurückkehren, die wiederum neue Bewältigungsstrategien verlangt. 

Wir brauchen also zum einen schlaue Bewältigungsstrategien, die also möglichst das ursächliche Problem lösen und zum anderen einen relativ zur Amygdala starken präfrontalen Cortex um die Strategie auch längerfristig umsetzen zu können.

(Lagerbildung)

Am Anfang der Pandemie hatten wohl die meisten eine Bewältigungsstrategie der Verdrängung. Es wurde als begrenztes, chinesisches Problem gesehen. Vielen ist erst mit den schockierenden Bildern aus Italien bewusst geworden, dass es ein weltweites Problem ist. Die meisten haben mit Italien einen emotionalen Bezug, vielleicht die Erinnerung an einen Urlaub, und die Bilder erscheinen viel realer als die aus China. Aus der abstrakten Gefahr wurde eine (für die Amygdala) konkrete. 

Zu dem Zeitpunkt hat sich die Bevölkerung in zwei Gruppen geteilt, abhängig von der Balance zwischen präfrontalen Cortex und der Amygdala. Zum einen waren das diejenigen, die ihre Angst vor dem Virus mit dem präfrontalen Cortex rationalisieren konnten und zum anderen diejenigen, deren Angst so groß war, dass sie ihren präfrontalen Cortex dafür eingesetzt haben, zu prüfen, ob die Bilder denn tatsächlich eine reale Gefahr darstellen. Ein Faktor hierbei ist schlicht die Größe der Amygdala. Je größer sie ist, desto schwerer wiegen direkt wahrgenommene Sinnesdaten und desto stärker muss der “Wille”, also eine stärkere Gegensteuerung des präfrontalen Cortex sein, um eine längerfristige bzw. abstrakte emotionale Bewältigungsstrategien zu wählen. Dies bestätigt eine (wenn auch mit Vorsicht zu interpretierende) Studie zur politischen Ausrichtung die eine Korrelation zwischen der Größe der Amygdala und (Amerikanischen) konservativen bzw. liberalen Werten sieht. Konservative reagieren eher auf viszerale also auf direkte Signale, Liberale mehr auf abstrakte. Es verwundert da nicht, dass z.B. Impfkritik in den USA eher in konservativen Kreisen Fuß gefasst hat, denn um gefühlsmäßig mit dem Bild des Stichs einer Spritze in den Arm eines Kleinkinds zurecht zu kommen, braucht es eine gute Verbindung zwischen der Amygdala und dem präfrontalen Cortex. Der präfrontale Cortex muss dann außerdem über eine Sequenz von Gedankenschritten ein ausreichend starkes Signal produzieren um die Amygdala ruhigzustellen. Man muss gedanklich und emotional die Brücke schlagen können zwischen dem Einstich und der Immunität vor einer Krankheit.

Hier möchte natürlich noch betonen, dass eine große Amygdala nicht kategorisch schlecht sei. Vielleicht tendieren diejenigen, mit schwach ausgebildeter Amygdala eher dazu, passiv an der Seite zu stehen, wenn ein Verbrechen vor ihren Augen stattfindet. Die Möglichkeit, Gefühle zu rationalisieren oder zu unterdrücken heißt ja auch, dass man vielleicht leichter über abstrakte Argumente manipulierbar ist oder sich eher sozialen Normen anpasst. Man kann also nicht einfach sagen, dass die eine oder die andere Gehirnarchitektur “besser” sei. Was wir brauchen ist Selbstreflektion. Wir sollten uns unserer eigenen Präferenzen und die anderer Menschen bewusst werden. 

Und vielleicht erklärt das die Vorwürfe der Maßnahmen-Kritiker, dass Teile der Bevölkerung blind seien bzw. mittels Bilder manipuliert wurden. Aus der Sicht eines Menschen mit größerer Amygdala scheint das einleuchtend. Es würde auch erklären, warum für Kritiker Videos so eine große Rolle spielen. Sie erlauben eine für die Amygdala reichhaltige, aber selektive Wahrnehmung der Welt, d.h. sie dienen ideal dazu, die Amygdala ruhig zu stellen bzw. umgekehrt Gefühle auszulösen die ein weiteres Vorgehen unterstützt. Anders als abstrakte Daten zeigen Bilder auch eher “Wahrheit” in ihrer rohen Form. Sie sind etwas, auf das man sich emotional verlassen kann und etwas was (von direkter Videomanipulation mal abgesehen) nicht mit Worten oder Statistiken verdreht werden kann. Videos von z.B. leeren Krankenbetten zeigen genau das, nämlich nicht belegte Krankenbetten. Das sagt aber umgekehrt noch nicht ob dies in jedem Krankenhaus so ist, ob die Betten überhaupt relevant für die Pandemie sind, oder ob der eigentliche Flaschenhals das Personal ist. In Menschen mit stärkerem Signal der Amygdala geht also weniger darum, anhand von abstrakten Daten im präfrontalen Cortex eine möglichst exakte Simulation der Welt aufzubauen um darüber die Angst der Amygdala zu regulieren. Es geht darum, die Amygdala mit direkten Sinnesdaten zu regulieren.

(Emotionale Bewältigungsstrategien)

Zum besseren Verständnis dieser Zusammenhänge betrachten wir nun mal ein paar Bewältigungsstrategien.

Die einfachste Möglichkeit ist wohl, bei jeder negativen Nachricht über das Virus, die Lockdown-Maßnahmen oder die soziale Unruhe an etwas schönes zu denken. Das kann funktionieren, weil die Amygdala “blind” ist und nicht zwischen realen und vorgestellten Ereignissen unterscheidet. Stellen wir unsere Amygdala nicht ruhig, beherrscht uns die Angst und wir agieren irrational. Der Fokus wechselt auf “wer kann mir momentan schaden?” anstatt auf “wie können wir das Problem langfristig lösen?” Die Schwierigkeit dieser Bewältigungsstrategie ist natürlich, dass reale Sinnesdaten immer reichhaltiger als Vorstellungen sind. Man kann sich nicht jeden Tag von der Realität distanzieren, auch wenn Maßnahmen wie weniger Nachrichten schauen helfen können. Eine Schwierigkeit hierbei ist auch, dass paradoxerweise gerade der Konsum negativer Nachrichten beruhigend auf die Amygdala wirken. Sich Sorgen zu machen zeigt der Amygdala, dass man sich mit der Gefahr auseinandersetzt und sie einen nicht eines Tages plötzlich überraschen wird.

Anstatt zu versuchen, die Pandemie zu verdrängen, könnte man die Maßnahmen als eine Art Kampf mit dem Virus hochstilisieren oder gar das Virus selbst personifizieren und sich zu denken “Wie können wir es dem Virus so richtig zeigen?” Ähnliche emotionale Bewältigungsstrategien sieht man bei Kritikern der Maßnahmen, die ihr Wirken als Kampf gegen die Regierung hochstilisieren und versuchen, Feindbilder zu schaffen auf die sie ihre Emotionen projizieren können. In beiden Fällen stellt man sich vielleicht die Zeit nach dem Triumph über das Virus bzw. die Regierung vor und malt diese besonders phantasiereich aus, sei es eine Feier oder eine besondere Reise die man sich als Belohnung vorstellt, oder der Gedanke an eine friedliche Welt ohne Leid und Armut. 

Man kann sich auch selbst davon überzeugen, bestimmte Hilfsmittel als Repräsentant für Sicherheit anzusehen. Da es erst einmal um das psychologische Gefühl der Sicherheit geht, spielt es ähnlich wie beim Placebo-Effekt keine Rolle ob die Hilfsmittel tatsächlich wirken. Es geht ja nur darum, die Amygdala zu überzeugen, dass man die Situation unter Kontrolle hat und sicher ist. Deshalb können hier für manche Menschen Toilettenpapier, farbige Mineralsteine, ein Kreuz, oder eben eine Maske in gleichem Maße helfen. Das erklärt zumindest die relativ schnelle Akzeptanz der Maske in Deutschland—es ist auch ein Mittel um mit der Angst umzugehen.

Emotionale Bewältigungsstrategien für empathische Menschen, d.h. Menschen mit einer Amygdala die Gefühle anderer stärker mitfühlt, schaffen sich vielleicht emotionale Sicherheit wenn sie ihre Zeit in Aufklärung oder direkter Hilfe von Erkrankten oder Angehörigen investieren. Verringert man das Leid anderer oder schafft man durch Erklärung der Maßnahmen eine geringere Infektionszahl, fühlt man andere und somit auch sich selbst sicherer. Ähnliches gilt natürlich auch für Kritiker der Maßnahmen, z.B. durch Befreiung anderer Menschen von Maßnahmen der Regierung beziehungsweise Aufklärung anderer über die angeblichen Falschaussagen.

Eine schwierigere emotionale Bewältigungsstrategie ist eine intellektuelle Herangehensweise. Man versucht sich ein Modell im präfrontalen Cortex aufzubauen, welches Sinnesdaten umdeutet und sie damit harmlos erscheinen lässt. Das kann auf der einen Seite sein, dass man sagt, “Ja, das Virus ist gefährlich, aber mit meinem Wissen über das Virus kann ich mein Verhalten anpassen und muss mich nicht völlig isolieren, damit ich nicht infiziert werde.” Oder auf der anderen Seite sucht man sich vielleicht Studien heraus, die sagen, dass das Virus nicht gefährlich sei oder sucht sich einen Schuldigen, der für die Schaffung des Virus verantwortlich sei (der dann auch ein Heilmittel haben müsste). Beide Vorgehensweisen verlangen nicht nur Faktenwissen, sondern auch emotionale Intelligenz um das abstrakte Modell in Emotionen übertragen zu können. In beiden Fällen hilfreich ist natürlich eine wissenschaftliche Ausbildung und das Beiwohnen bei Experimenten: wenn man die Ergebnisse der Forschung mit eigenen Augen gesehen hat, ist die Amygdala bereits überzeugt. Um etwas emotional verstehen zu können, muss man es letztlich in der einen oder anderen Form wortwörtlich begriffen haben. Persönliche Berichte von Wissenschaftlern oder stark visualisierte Darstellung der Zusammenhänge können hier ebenfalls helfen. 

Problematisch wird diese Vorgehensweise, wenn es keine direkte Verbindung zur Realität gibt, also die intellektuelle Auseinandersetzung keine sichtbaren oder wirksamen Ergebnisse liefert. Nicht infiziert zu werden oder andere nicht zu infizieren ist ja kein direkt beobachtbares Ereignis. Man sieht das Ergebnis seiner emotionalen Bewältigungsstrategie nicht. Ähnliches bei den Kritikern der Maßnahmen. Die Kritik wird ja nicht umgesetzt. Beide Seiten tendieren dann in Richtung Aufklärung—wenn ich zumindest sehe, dass andere mir Glauben schenken, spüre ich die Wirksamkeit meiner intellektuellen Vorgehensweise. In der Psychologie wird das auch “social proof” genannt. Dieser Drang ist umso stärker, je weniger die Realität die eigenen Ansichten bestätigt.

Eine weitere Gefahr der intellektuellen Vorgehensweise ist auch, dass es zu einer “Sucht” werden kann, da es ja immer noch mehr zu lernen gibt. Es mag frustrierend sein, nie eine “Letztbegründung” finden zu können und immer mit einer unklaren Datenbasis zu tun zu haben. Wer den wissenschaftlichen Diskurs verfolgt hat, hat mitbekommen, welches auf und ab es dieses Jahr bezüglich Infektionssterblichkeit, Übertragungswege, Risikogruppen, usw. gab. Aber genau das ist Wissenschaft, eine stetige Schleife von Beobachtung zu Theorie zu Experiment zu Beobachtung usw. Wissenschaft kann nicht beantworten wie man sich verhalten soll. Sie kann nur beantworten was ist und unter welchen Bedingungen wir das wissen.

Mit welchen Theorien man sich auch immer beschäftigt, man sollte die vergangene Beschäftigung selbst nie als Grund für die zukünftige Beschäftigung hernehmen. Wenn man den ursprünglichen Grund, weshalb man sich mit etwas beschäftigt, aus den Augen verliert, kann man sich irgendwo in der Tiefe verlieren. Im Projektmanagement nennt man das auch die “sunken cost fallacy.” Nur weil man in der Vergangenheit in etwas investiert hat, sollte man das nicht als Grundlage für zukünftige Entscheidungen nehmen. Hat man sich z.B. für den Winter zwei Konzertkarten gekauft, hat man nun die Wahl das Risiko einer Ansteckung einzugehen oder die Karten verfallen zu lassen. Da das Geld schon bezahlt wurde, sollte dieses aber keine Rolle mehr spielen. Man sollte nur das Risiko gegenüber der Freude eines Besuchs vergleichen.

Aber selbst wenn man diesen Fallstricken der Wissenschaft ausweichen und über diese stetige Investition in Bildung seine inneren Gefühle regulieren kann, bleibt doch die Frage, was man mit jenen macht, die einem widersprechen, also die gesamte emotionale Bewältigungsstrategie in Frage stellen. Für diejenigen in der Mehrheit ist dies weniger ein Problem, da sie in ihrem Streben ja von der Gesellschaft ermutigt werden. Die Minderheit kann dann relativ einfach als irrelevanten Außenseiter betrachtet werden. Gerade mit den vermehrten Demonstrationen und den steigenden Infektionszahlen dreht sich aber auch hier das Bild etwas und das Feindbild tritt stärker in den Vordergrund. Für diejenigen in der Minderheit stellt sich aber die Systemfrage. Irgendetwas muss ja systematisch falsch laufen, wenn die Mehrheit einem widerspricht und man deshalb die eigene emotionale Bewältigungsstrategie nicht anwenden kann.

Genau wie ich hier mir Gedanken mache, warum jemand Maskengegner sein kann, macht man sich vielleicht umgekehrt Gedanken, warum jemand auf die Corona Geschichte “hereingefallen” sei. Man wird dann nach Wegen suchen, wie die dieses täglich neu aufkommende negative Gefühl vom Anblick von Masken bzw. dessen Fehlen bewältigt werden kann und findet dann emotionale Beruhigung in Aussagen wie “Masken sind schädlich” bzw. umgekehrt  “Menschen ohne Maske schaden mir.” Versucht man dann für oder wider Masken aufzuklären, kann man die negativen Gefühle kompensieren. Man fühlt sich in einer Retter-Rolle. Man möchte die Menschen von der empfundenen Gefahr der Maske bzw. deren Fehlens befreien. Wenn die Erklärungsversuche gegenüber Mitmenschen aber ohne Erfolg bleiben, kommt ein weiteres Gefühl mit ins Spiel: es würde anderen nicht an Informationen fehlen, nein, sie sind entweder “Sektengläubige” oder “Schafe” und von Medien manipuliert. Die nächste Stufe der emotionalen Bewältigungsstrategie ist also, die Schuld bei den öffentlichen oder alternativen Medien zu sehen, die aus unbekannten oder sogar böswilligen Gründen die Gefahr erfunden haben müssen bzw. die Gefahr leugnen.

Bei der Aufforderung eine Maske aufzusetzen geht es also nicht mehr nur um das Tragen einer Maske, es geht um die Infragestellung der gesamten emotionalen Bewältigungsstrategie. Kritisiert man umgekehrt Maskenträger, stellt man vielleicht auch deren emotionale Bewältigungsstrategie in Frage wie vorher bei den Hilfsmitteln erläutert. Bei einer solchen Diskussion geht es dann also nicht mehr um die Frage der Eigenschaften der Maske, sondern um grundlegend unterschiedliche Herangehensweisen wie man die eigene Amygdala reguliert. In einer solchen Situation werden dann Argumente jeweils ignoriert, sie adressieren ja jeweils nicht die Grundangst.

Nachdem auch durch Fakten oder Anschuldigungen keine Befriedigung erfahren wird, sucht man dann nach tieferen Gründen. Könnte man dieses angebliche System der Angst und Kontrolle einer Person zuordnen, könnte man seine negativen Gefühle auf diese Person projizieren. Da kommen Nachrichtenüberbringer wie Bill Gates, Christian Drosten, Angela Merkel oder auch Karl Lauterbach ins Spiel. Oder eben umgekehrt, Schiffmann, Eckert, und Hildmann. Man schafft sich momentane Erleichterung, wenn man ihnen eine Beleidigung oder später dann sogar eine Drohung zuwirft und sie für alles schlechte verantwortlich macht was passiert. Dies kann in zunehmendem Maße in direkter Gewalt münden, wie bei den Anschlägen in Berlin oder auf Demos gesehen. Umgekehrt ist auch eine gewisse Radikalisierung bei den zunehmenden Rufen gegen die Querdenker Bewegung zu bemerken. 

Alternativ beschäftigt man sich immer tiefer mit vermuteten Verstrickungen zwischen Medien, Wirtschaft und Regierungen bzw. Personen der Bewegung um eine Antwort auf die Frage zu finden, warum die Gegenseite “böse” ist. Hat man die Gegenseite als das Böse dargestellt, erleichtert man sich selbst der ethischen Fragestellung der eigenen Position. Jede Seite sieht sich dabei als “Helden” der eigenen Geschichte. Mit diesem Wissen versucht man dann, andere für dieses angebliche Wissen ebenso zu begeistern. Man meint ja, dass man anderen etwas gutes dabei tut, sie von ihren angeblich negativen Gefühlen zu befreien. Und damit schließt sich der Kreis, der ursprüngliche Konsument der Theorien wird selbst zum Verfasser und Verbreiter neuer Theorien.

(Gefahr der Radikalisierung)

Was beide Seiten eint, ist deshalb die Gefahr der Radikalisierung. Wenn man sich für eine Bewältigungsstrategie entscheidet, muss man sich Geschichten überlegen, warum andere Leute eine andere Bewältigungsstrategie nutzen. Man denkt sich auch die eigene Rolle und die Rolle der anderen Seite neu. Dies kann dazu führen, dass mehr und mehr Bewältigungsstrategien übereinander gelagert werden, selbst wenn irgendwann der ursprüngliche Grund wegfällt. Es wird dann nicht mehr über das beste Vorgehen gesprochen, sondern sich darauf fokussiert, die andere Seite zu diskreditieren. Es kommt zu einem Auseinanderdriftens des gesellschaftlichen Diskurses, bei der es nur noch darum geht, wer die Opfer und wer die Täter sind. Und es gibt Leute die genau eine solche Spaltung als politisches Kalkül einsetzen oder um finanziell davon zu profitieren. Man sagt oder tut etwas verwerfliches, was primär dann von der Gegenseite herausgepickt wird und dort in den Medien geteilt wird. Das Ziel der Spalter ist es, dass die Gegenseite die Aussage hernimmt und sie für einen Gegenangriff nutzt. 

Gleiches gilt z.B. auch für Gewalt auf der Straße. Eine klassische Zersetzungsstrategie ist es, Gewalt zu provozieren, in der Hoffnung, dass man Bilder der Gegengewalt machen kann, die man der eigenen Seite dann als Beweis für den Extremismus der Gegenseite hernehmen kann—in der Hoffnung der weiteren Eskalation, damit am Ende es keine Mitte mehr gibt und sich jeder für eine der beiden Extreme entscheiden muss. Nach dem Motto “Corona ist mir ja eigentlich egal, aber bei solchen Ausschreitungen, da muss ich einfach Partei ergreifen.”

Treffen dann Gegner und Befürworter aufeinander, kommt es zu keinem richtigen Austausch mehr, weil beide Seiten die extremsten Aussagen, Maßnahmen oder Bilder der jeweils anderen Seite im Kopf haben und eine Entschuldigung erwarten anstatt sich vereint gegen die jeweiligen Extremisten in den eigenen Reihen stellen. In einer Demokratie müssen wir aber lernen, radikalisierenden Kräften entgegenzustehen, die Sprache und Wahrnehmung der anderen Seite zu lernen und bei unserer gegenseitigen Heilung zu helfen.

(Weitere Grundängste)

Spricht man über die Grundängste die zu einer Radikalisierung geführt haben, ist die zugrunde liegende aktuelle Krise selten der einzige Faktor. Speziell in hochorganisierten Gesellschaften wie den unseren spielt der Staat eine wesentliche Rolle in unserem Gefühlsleben. Beispielsweise hat der Einzelne vielleicht im Staat die Retter vor Gefahren gesehen. In Krisenzeiten muss man sich dann entscheiden, sich der Tatsache gegenüberzustellen, dass die Institutionen einem nicht vor allem im Leben beschützen können, oder man behält den Glauben an solche übergeordneten allmächtigen Stellen, glaubt dann aber, dass es keine Inkompetenz war, sondern eine bewusste Sabotage staatlicher Institutionen stattgefunden haben muss. Bei einem terroristischen Anschlag glaubt man deshalb lieber an eine Kollaboration von Elementen des Staats mit den Terroristen, anstatt an staatliche Inkompetenz. Inkompetenz erscheint als schockierender, da ja dann der Staat nicht mehr der Beschützer wäre, für den man ihn gehalten hat. Oder in religiösen Begriffen, man glaubt lieber an einen Teufel der Gottes Wirken manipuliert, als daran, dass Gott vielleicht nicht perfekt ist.

Prominentes Beispiel aus der Geschichte war die “Dolchstoßlegende” nach der  Weltwirtschaftskrise 1929 die 1931/32 zu einer Massenarbeitslosigkeit in Deutschland geführt hat. Auch suchten die Menschen nach einem Schuldigen für die militärische Niederlage des 1. Weltkriegs. Beides führte zu einer Popularisierung der Idee, dass es es Feinde im Inneren gegeben haben muss, die Deutschland zerstören wollten. Ähnliches hört man heute, dass nämlich die Pandemie eine geplante Zerstörung der Wirtschaft sei.

Medien spielen hier eine ähnliche Rolle, eben als Informationsüberbringer. Man möchte eine Instanz der Wahrheit der man vertrauen kann. Verliert man aber das Vertrauen in die Gesellschaft, weil diese einen physisch oder emotional nicht beschützen kann, dreht sich dieses Bedürfnis in eine völlige Ablehnung. Anstatt Medien kritisch einzuordnen, also die Verantwortung zu übernehmen, Quellen immer selbst zu überprüfen, möchte man lieber an die Unfehlbarkeit der Medien glauben und davon ausgehen, dass sie unterwandert wurden.

Auch wirtschaftliche Vorstellungen fallen hierunter. Man möchte lieber daran glauben, dass jeder mit harter Arbeit alles erreichen kann, als dass dies vielleicht nicht für jeden zutrifft und auch Umstände eine große Rolle spielen können. Statt zu akzeptieren, dass man den eigenen wirtschaftlichen Erfolg vielleicht nicht vollständig unter Kontrolle hat, fokussiert man sich lieber auf Feindbilder die dieses Ideal untergraben als das Ideal selbst in Frage zu stellen.

Gleiches könnte man über Medizin sagen. Gerade weil man alle Hoffnung in die Medizin steckt, Leiden zu behandeln, stößt man sie um so mehr ab, wenn sie es mal nicht kann. Dann vermutet man eher Geldmacherei von Pharmafirmen als dass man Medizin realistisch betrachtet, also jede Behandlung mit Chancen und Risiken verbunden ist. Gerade weil die Medizin die Pandemie nicht im Keim verhindert hat, kann deshalb ein Grund sein, weshalb jemand das letztliche Gegenmittel wie eine Impfung ablehnt. Eine Akzeptanz der Impfung wäre ja das Eingeständnis, dass vielleicht nicht alles durch Luft, Liebe, Tee und Gottesglaube geheilt werden könnte, man die Gesundheit also nicht selbst völlig unter Kontrolle hat.

Man kann natürlich nicht sagen, dass umgekehrt jeder einzelne Befürworter der Maßnahmen mit Tod, Krankheit und Katastrophen Frieden geschlossen hat. Im Gegenteil ist der Glaube daran, dass die Regierung und Medizin die Pandemie unter Kontrolle bekommen kann, wenn man sich nur haargenau an die Regeln hält, ja auch eine emotionale Bewältigungsstrategie. Und so erstaunt es nicht, wenn das genaue Nichtbefolgen von Regeln auch eine emotionale Bewältigungsstrategie ist. Gerade das bewusste Nichtabstandhalten und Nicht-Masketragen sorgt ja dafür, dass man bewusst die Existenz des Virus bzw. dessen Gefährlichkeit verneint.

Und es ist auch nicht verwunderlich, dass unter den Gegnern der Maßnahmen oft Menschen zu finden sind die mit dem gegenwärtigen System nicht zufrieden sind, für die die Idealvorstellungen bezüglich Sicherheit, Wahrheit, Wirtschaft oder Gesundheit in der Vergangenheit also nicht in Erfüllung gegangen sind und sich in eine unkontrollierbare Welt geworfen fühlen.

Um nun langsam zum Schluss zu kommen. Wie können wir diese gesellschaftliche Spaltung wieder heilen?

(Auflösung)

Die schlechte Nachricht ist, dass einzelne Fakten nicht ausreichen jemanden zu überzeugen, da diese ja nicht deren Amygdala überzeugen, sondern nur das Modell im präfrontalen Cortex beeinflussen. Wenn ein Fakt nicht hilft, die Angst des Gegenübers zu reduzieren, wird sich dessen Meinung nicht ändern. Das einzige wobei Fakten helfen, ist, den “Pool” aus möglichen Rationalisierungen zu reduzieren. Normalerweise sind diese Rationalisierungen aber sehr vielschichtig, weshalb es immer eine Reihe anderer Argumente gibt, die dann immer noch gelten. 

Wo Fakten doch helfen, ist, wenn die Angst aus dem Unbekannten herrührt, wenn jemand also Probleme damit hat, die eigene Amygdala mit einem unvollständigen Modell aus dem präfrontalen Cortex zu regulieren. Wenn man erklärt bekommt, was konkret das Virus macht, wie eine Impfung funktioniert, oder was Impfnebenwirkungen sind und wie diese zustande kommen können, kann man die Angst vor dem Unbekannten die unsere Amygdala auslöst, mit dem präfrontalen Cortex kontrollieren. Das hilft bei der allgemeinen Bevölkerung, aber weniger bei Leuten, denen ein grundsätzliches Vertrauen in die Gesellschaft abhanden gekommen ist. Man kann aber selbst Extremisten immer noch als “Sparrings-Partner” nutzen und die stillen Mitleser oder Zuhörer als eigentliches Publikum betrachten. Man weiß, man kann die andere Person nicht überzeugen ohne über tieferliegende Ängste zu sprechen, aber man kann das Gespräch nutzen um das Publikum zu bilden.

Was man Extremisten, die ihre Thesen vor großem Publikum verbreiten voraus hat, ist, das individuelle Gespräch. Wo Extremisten ansetzen ist, vorzugeben, einem die Angst nehmen zu wollen. Sie bieten aber meist nur negative Bewältigungsstrategien an, d.h. Feindbilder zu schaffen anstatt die Ängste anderer bzw. die eigenen Ängste in positiver Weise zu adressieren. Entsprechend oft sind Extremisten selbst Opfer ihrer eigenen Ängste und emotionalen Bewältigungsstrategien, auch wenn es sicher einige gibt, die Spaltung ganz kalkuliert und ohne Rücksicht auf Verluste vorantreiben.

Der wichtigste Schlüssel in unserer gesellschaftlichen Diskussion ist also, auszusprechen, was man tief im Inneren trägt. Dann kann man diese Gefühle auch verarbeiten. Wenn jemand diese Emotionen hat, dann sollte man diese als real akzeptieren. Manchmal hilft es, diese Gefühle zuzulassen anstatt andauernd zu unterdrücken. Anstatt zu versuchen mit Fakten zu argumentieren, sollte man versuchen, herauszufinden, welche Bewältigungsstrategien man selbst oder andere für welche Ängste nutzt. Man sollte versuchen herauszufinden, warum jemand keine anderen Bewältigungsstrategien nutzt und welche Ängste unter der womöglichen größeren Zahl an übereinandergelagerten Bewältigungsstrategien liegen.

Egal wie man also zu den Maßnahmen gegen die Pandemie steht, die Frage nach der Heilung kann man sich ganz unabhängig stellen. Will man anderen helfen, ist es hilfreich, sich selbst dahingehend die Blöße zu geben und erst einmal die eigenen Ängste offen zu teilen. Diese Verwundbarkeit schafft psychologische Sicherheit. Es ist dann kein Spiel des “Gesichtswahrens” mehr sondern ein ehrliches Gespräch zwischen zwei Menschen. Als Mittel dafür eignet sich z.B. Rosenbergs gewaltfreie Kommunikation bei der man zwischen Beobachtung, dem eigenen Gefühl, dem eigenen Bedürfnis und der Bitte unterscheidet. Dadurch kann man Aussagen besser verstehen.

(Schluss)

Nun zurück zu mir. Was ist mit meinen eigenen Ängsten? 

Z.B. ich selbst habe große Angst gespürt als der erste und auch der zweite Irakkrieg ausbrach. Ich hatte damals überhaupt kein Verständnis und nicht ausreichend Bildung, um mir erklären zu können wie so etwas politisch oder auch menschlich passieren konnte. Entsprechend suchte ich nach Alternativerklärungen um mein verlorenes Grundvertrauen in die Welt zu kompensieren. Auch ich habe im Staat eine wichtige Beschützerrolle gesehen.

Vorgespult in die Jetztzeit, sind in nachträglicher Betrachtung auch meine anderen Videos auf meinem Kanal natürlich von diesem Mechanismus nicht ausgenommen. Sie sind eine emotionale Bewältigungsstrategie in denen ich meine eigenen Ängste verarbeitet habe. Wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema, Feindbilder, Erklärungsversuche, Versuch der Überzeugung anderer, usw. waren alles Teil meiner Videos. Mittlerweile ist es aber nicht mehr Fehlinformation—alle Informationen sind mittlerweile von verschiedenster Seite umfangreich aufbereitet. Jeder der die Gefahr des Virus akzeptiert, kann entsprechende Informationen finden, die das Virus erklärt. Viel eher ist es zu einem emotionalen Problem geworden bzw. war es schon immer. Wenn wir aber eine negative emotionale Bewältigungsstrategie wählen, die nur darauf basiert, diejenigen anzugreifen, die anderer Meinung sind, kommen wir bei dem Grundproblem nicht weiter. Damit überzeugt man niemanden, insbesondere nicht die Angegriffenen. Keiner Seite fehlt es an Information, es geht darum, wie wir uns emotional zu dem Thema positionieren. 

Entsprechend möchte ich beiden Seiten die Hand reichen. Sprechen wir doch einmal über Emotionen warum man den einen oder anderen Weg eingeschlagen hat. Sind wir doch mal ehrlich und geben zu, dass “wenn ich mir vorstelle Bill Gates ist an allem Schuld, geht es mir emotional besser.” bzw. “wenn ich sage, dass die Querdenker an der zweiten Welle schuld sind, geht es mir emotional besser.” Man sollte sich eingestehen, dass man nicht in allen Bereichen Experte ist, egal wie intelligent man ist. Es ist wichtig, eigene Grenzen zu kennen und diese zuzugeben. Auch sollte man, egal wo man steht, hinterfragen, warum man einen bestimmten Pfad eingeschlagen hat. 

Was waren die eigenen Grundängste oder Frustrationen die einen damals angetrieben haben? Ist diese Grundangst mittlerweile schon adressiert oder dreht man sich im Kreise weil die damals eingeschlagenen emotionalen Bewältigungsstrategien zu neuen Fragen führten die wiederum eigene Bewältigungsstrategien brauchten? 

Lasst uns statt dem Austausch kurzfristiger emotionaler Bewältigungsstrategien doch überlegen, wie wir uns erst einmal emotional sicherer fühlen können und lasst uns dann über gesellschaftliche Maßnahmen sprechen, wie wir diese Krise überstehen.

Ich hoffe ich konnte mit meinem Beitrag etwas Einblick geben was in den Leuten in der Anti-Corona-Maßnahmen Bewegung vor sich geht, aber auch negative Strömungen aufzeigen, in Leuten die für die Maßnahmen einstehen. Diesen Spiegel muss ich mir auch immer selbst vorhalten. 

Vielleicht kennt ihr ja einen Bekannten oder eine Bekannte, der oder die entsprechende

Beiträge teilt und vielleicht findet ihr die Kraft mit ihm oder ihr über Ängste zu sprechen.

Schreibt auch gerne in den Kommentaren über eure eigenen Erfahrungen und Ängste. Wie ergeht es euch emotional bei diesen Themen?

In dem Zusammenhang möchte ich für morgen, Sonntag, 6. Dezember, ein Zoom Meeting ankündigen, als eine Art Gegenvorschlag oder Gegendemo zur “Gigademo” in Düsseldorf. Lasst uns konstruktiv austauschen, Lösungen überlegen, Tips geben und Kontakte knüpfen. Es wird im “LeanCoffee” Format die Möglichkeit geben, Themen vorzuschlagen oder für eines der Themen wie Diskussion über Maßnahmen, QA über Impfungen und andere Fragen zur Wissenschaft, Homeoffice, Lebens- und Familienorganisation, berufliche Umstrukturierung usw. geben. Den Link zur Veranstaltung habe ich unten in der Beschreibung gepostet. Ich würde mich über eine Teilnahme freuen, vielleicht auch nur um sich mal “persönlich” zu “treffen.”

Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt, empfehle ich diesen Kanal zu abonnieren, das Video bzw. den Artikel zu teilen oder mich auf Patreon zu unterstützen. Vielleicht interessiert ihr euch ja auch tiefergehend für das Thema wie das Gehirn arbeitet, dazu gibt es mein neues Buch “Does Your Brain Need You?” in Vorbestellung auf Englisch.

In diesem Sinne, ein schönes Wochenende und bleibt gesund 🙂

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